Grazer Erklärung fordert langfristige europäisch-ukrainische Kulturpartnerschaft
Mehr als 130 ukrainische und europäische Kulturschaffende diskutierten in Graz über die Zukunft der kulturellen Zusammenarbeit. Die daraus hervorgegangene Grazer Erklärung fordert flexible Förderstrukturen, gleichberechtigten Zugang zu europäischen Programmen und eine dauerhafte Vernetzung ukrainischer und europäischer Kulturakteure. Die große Resonanz und die einstimmige Verabschiedung der Grazer Erklärung setzen ein deutliches Zeichen für langfristige Zusammenarbeit und unmittelbare Solidarität.
Graz, 17. Oktober 2026. Wie kann aus der seit Beginn des russischen Großangriffs auf die Ukraine geleisteten Nothilfe eine dauerhafte europäisch-ukrainische Kulturpartnerschaft entstehen? Mit dieser Frage befassten sich am 15. und 16. Oktober im Kunsthaus Graz mehr als 130 ukrainische und europäische Kulturschaffende sowie Vertreter von Kulturinstitutionen, Netzwerken, Förderstellen und Politik, Forschung und Zivilgesellschaft.
Die Konferenz „Networks of Cooperation“ wurde von Office Ukraine (Wien/tranzit.at und Graz/rotor), dem österreichischen Bundesministerium für Wohnen, Kunst, Kultur, Medien und Sport sowie dem Creative Europe Desk Austria, in Zusammenarbeit mit dem Kunsthaus Graz, dem Creative Europe Desk Ukraine und dem Institut für die Wissenschaften vom Menschen veranstaltet.
Die Ergebnisse der Arbeitsgruppen und Rundtischgespräche sind in die Grazer Erklärung eingeflossen. Ihr Ausgangspunkt: Die europäische Solidarität der vergangenen Jahre hat wichtige Soforthilfe ermöglicht, nun braucht es den Übergang zu langfristigen institutionellen Beziehungen und einen nachhaltigen Zugang ukrainischer Kulturschaffender zu europäischen Strukturen. Kultur wird dabei ausdrücklich auch als wichtiger Faktor für die europäische Integration der Ukraine verstanden.
Die Erklärung erinnert daran, dass die Ukraine bereits seit 2015 am EU-Programm „Creative Europe“ teilnimmt. Ukrainische Kulturakteure seien daher nicht als neue Empfänger von Hilfe zu verstehen, sondern als erfahrene und gleichberechtigte Partner der europäischen Kulturlandschaft. Die bisherige europäische Unterstützung soll fortgeführt und verstärkt und stärker an den tatsächlichen Bedingungen kultureller Arbeit in und außerhalb der Ukraine ausgerichtet werden.
Flexible Förderung statt permanenter Ausnahmezustand
Zu den zentralen Forderungen gehören mehrjährige und anpassungsfähige Fördermodelle, die auch auf Veränderungen der Sicherheitslage reagieren können. Infrastruktur- und Personalkosten, faire Bezahlung und lokale Kulturproduktion sollen dabei ebenso berücksichtigt werden wie die Möglichkeit, Budgets und Zeitpläne unter außergewöhnlichen Bedingungen flexibel anzupassen.
Gleichzeitig fordert die Grazer Erklärung einen gerechteren Zugang zu europäischen Förderprogrammen. Ukrainische Expertise müsse zudem bereits bei der Konzeption und Bewertung europäischer und nationaler Kulturprogramme berücksichtigt werden.
Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der dauerhaften Vernetzung bestehender Strukturen. Kooperationen zwischen Institutionen in der Ukraine, ukrainischen Initiativen im europäischen Ausland, Kommunen, Universitäten sowie Kultur- und zivilgesellschaftlichen Netzwerken sollen nicht allein projektbezogen bleiben, sondern auf gemeinsamer Verantwortung, Ressourcen und Programmentwicklung beruhen. Dabei geht es ausdrücklich auch darum, bestehende Netzwerke innerhalb der Ukraine stärker miteinander zu verbinden.
Austausch muss in beide Richtungen funktionieren
Auch Residenzen, Mobilitätsprogramme und Stipendien bleiben wichtig, sollen jedoch durch hybride, lokale, kurzfristige und digitale Formen der Zusammenarbeit ergänzt werden. Nicht jede und jeder kann oder will den eigenen Arbeits- und Lebensort verlassen. Mobilität dürfe deshalb nicht zur Voraussetzung für kulturelle Teilhabe werden. Zugleich betont die Erklärung den gegenseitigen Charakter des Capacity Buildings: Nicht nur ukrainische Akteure können von europäischen Strukturen profitieren. Europäische Partner wiederum können auf ukrainische Erfahrungen mit kultureller Resilienz, Selbstorganisation, Bürgerbeteiligung und institutionellem Aufbau zurückgreifen.
Die Kraft persönlicher Begegnungen
Die Gespräche in Graz machten darüber hinaus deutlich, wie wichtig persönliche Begegnungen für tragfähige transnationale Netzwerke sind. Zugleich braucht es geschützte Räume, in denen Spannungen und schwierige Fragen offen angesprochen werden können. Dazu gehören auch die zunehmenden Spannungsverhältnisse zwischen Kulturschaffenden, die in der Ukraine geblieben sind oder bleiben mussten, und jenen, die das Land verlassen haben. Fragen der psychischen Gesundheit, menschenwürdiger Arbeitsbedingungen, der Sichtbarkeit ukrainischer Kunst und der Unterstützung jener Künstler:innen, die weiterhin in der Ukraine arbeiten, spielten in den Diskussionen ebenfalls eine wichtige Rolle.
Diskutiert wurden zudem Möglichkeiten, europäische Programme stärker auf die spezifischen Bedürfnisse ukrainischer Kulturakteure auszurichten – etwa durch niedrigschwellige Fördermodelle für kleinere und ländliche Organisationen, erleichterten Zugang zu europäischen Netzwerken, Unterstützung bei Projektentwicklung und Reisekosten, gezieltes Matchmaking sowie neue Formen von Folge- und Kooperationsprojekten.
Verpflichtungen für die Jahre 2027 bis 2030
Die Grazer Erklärung richtet schließlich einen konkreten Aufruf an europäische und ukrainische Behörden, Regierungen, Städte und Regionen, Kulturinstitutionen, Künstler:innen, Universitäten, Stiftungen, Berufsverbände und zivilgesellschaftliche Netzwerke. Für die Jahre 2027 bis 2030 sollen aus den formulierten Grundsätzen konkrete Programme und Kooperationsvereinbarungen entstehen.
Im Mittelpunkt stehen längere Förderzeiträume, fairer Zugang auch für Einzelpersonen und kleinere Organisationen, nachhaltige europäische Partnerschaften, die Unterstützung kultureller Arbeit innerhalb der Ukraine und unter den Bedingungen von Vertreibung sowie gegenseitiger Austausch und Kapazitätsaufbau. Die Fortschritte sollen gemeinsam überprüft werden können.
Die Konferenz und die Grazer Erklärung verstehen sich damit nicht als Abschluss, sondern als Teil eines längerfristigen Prozesses. Der Dialog zwischen ukrainischen und europäischen Kulturakteuren soll fortgesetzt werden. Ziel ist ein europäischer Kulturraum, in dem ukrainische Künstler:innen und Institutionen nicht lediglich Empfänger von Unterstützung, sondern gleichberechtigte Partner und Mitgestalter sind.
Ein ausführlicher Bericht mit den Ergebnissen der Konferenz wird bei der Buch Wien (25.-29. November) veröffentlicht.








